Eine Gedankenaufriss, von Olaf Günther

Die Tsiganologie hat, obwohl sie eine Jahrhunderte alte Tradition besitzt, es heute zunehmend schwer, den Gegenstand ihrer Forschung plausibel zu machen und genauer zu beschreiben. Dabei hat sie als Disziplin in den letzten Hundert Jahren immer wieder Trendwenden erfahren, die ihren Forschungsgegenstand aus größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen heraus neu definierte. Schaut man sich zum Beispiel die Veröffentlichungen etwa eines Martin Block1 oder eines Patrick Williams2 an, so könnten zwei, die über ein ähnliches Thema schreiben, kaum unterschiedlicher sein. Zu dem müssten Forscher mit einer tsiganologischen Perspektive auf nichteuropäische Gemeinschaften die jetzigen Trends innerhalb der Disziplin hin zu einer Kulturkunde der Roma Europas und das „romanisieren“ Inner- und Außereuropas mit Besorgnis betrachten. So lange sie aber keine Diskussion über den Gegenstand der Tsiganologie führen, wird sich der Trend zum Ethnisieren der sozialen Kategorie Zigeuner, wie der Zigeuner bis vor den rasseanalytischen Ansätzen der Nazis auch in Europa verstanden wurde, kaum aufhalten lassen.

Betrachtet man aber die Zigeunergruppen, die vom Bosporus bis nach Nordindien bzw China siedeln, so fällt auf, das gerade hier die ethnische Perspektive den Blick auf die wesentlichen strukturellen Merkmale der Beziehung zwischen Mehrheit- und Zigeunergruppen verstellt.

Die Abdal — eine mögliche Zigeunerkategorie?

Vom Bosporus bis in die Takla Makan im Westen Chinas kann man Abdal als einen Begiff in Benutzung finden, der hier und dort auch Zigeunergruppen benennt. Von der Wortbedeutung aus dem Arabischen heißt abd Sklave und wird in der Islamischen Welt vielfältig als Selbstbezeichnung gewählt, z.B. als Teil eines Hinternamens. Hier ist der Sklave vor allem Gott unterworfen, eine freiwillige Selbstbezeichnung, die vor allem Frömmigkeit zum Ausdruck bringt. Nur bedeutet bezogen auf Kleingruppen Abdal in den drei Teilen Asiens völlig unterschiedliche Dinge. So sind die Abdal im nahen Osten Gruppen, die im Umfeld der Bektashiya Sekte in Anatolien besonders gehäuft auftreten, Abdal bezeichnen sich hier Leute, die für Musik und Tanz besondere Ausbildung und familiäre Bindungen haben. In Zentralasien hingegen sind die Abdal ein historische Sammelkategorie aller Fahrenden. Die Bezeichnunng wird heute nur noch einzeln von besonders frommen, in Armut lebenden Individuen als Zeichen ihrer göttlichen Unterwerfung benutzt. Eine Gruppenkategorie ist sie nicht mehr. In Westchina sind Abdal dörflich organisierte und trotzdem mobile Landarbeiter, die weder musikalische noch besonders fromme Spezialisten sind.3

Die luli — eine Zigeunerkategorie?

Die Oberkategorien luli und dzugi wird in Zentralasien von der Mehrheitsbevölkerung unterschiedslos für Zigeuner genutzt, die im nördlichen Zentralasien ihre Hauptbewegungsräume haben. Sie ist somit das Äquivalent zur europäischen Bezeichnung für Zigeuner, kann aber hier nur auf einen kleinen geographischen Raum angewendet werden. Diese Gruppen nennen sich selbst mugat. Ihr Haupteinzugsgebiet kann man als Xorassan bezeichnen, einer historischen politischen Einheit der Samaniden.

Die jat oder die Sackgasse der ethnischen Perspektive

Die südlichen Zigeunergruppen benennt man oft in der großen Oberkategorie jat. Dieser Begriff ist vielschichtig und wird in verschiedenen Gegenden verschieden gedeutet. Im Norden Indiens wird

dieser Begriff für die 73 % der Bevölkerung des Bundeslandes Rajastan

benutzt. Am Persischen Golf hingegen in den Steppen und Wüstengegenden Pakistans und des Irans sind die Jat ein Unterstamm der Belutschen. Auch die Belutschen bezeichnen einen ihrer Stämme als jat.4 Der Urspung dieses Stammes komme mit einer Reihe anderer Stämme aus dem Gebiet Sindh (Hauptstadt Karachi) und spreche eine Sindhi Sprache, das Lasi. In den 1970er Jahren stellten sie die größte belutschische Bevölkerungsgruppe im Gebiet Dashtiari

(südliches Makran) und stellten dort auch die Gouverneursfamilie. Die Jat und ihre Schwesterklans betrieben hier Kamel- und Ziegenzucht, bauten leichte 5 polige Zelte und haben so gar nichts mit den Zigeunergruppen gemein, die unter dem Namen jat bis nach Samarkand gewandert sind. Sollten die Jat also eine ethnische Gruppe beschrieben werden, müßten wir seßhafte Bauern im Punjab und Sindh, Viehnomaden in Persisch Belutschistan und ambulante Kleinhändler in Afghanistan auf einmal beschreiben. Sie teilen sich zum Teil eine Sprache, sind aber in den meisten Fällen sowie mehrsprachig (baluchi, persisch, pashto). Die Jat Gruppen teilen sich

auch auf unterschiedliche Wohnformen auf. Am persischen Golf wohnen sie in Nomadenzelten aus vier Ecken und einem Mittelpol. In Sindh wohnen sie in Lehmhäusern auf den Wanderstrecken bauen sie Grundmauern aus Lehm und ein Sonnensegel als Textil darauf.

Qolam und der Bezeichnungsdjungel

Es gäbe noch eine Reihe anderer Gruppen, für die man aus der tsiganologischen Perpsektive Gemeinsamkeiten finden kann. Da wären die Qolam zu nennen. Sie sind heute belutschisch sprechende Afrikaner, die seit mehreren Hundert Jahren als orientalische Sklaven für belutschische Stämme die Arbeit erledigten. Das Wort Qolam kommt dabei aus dem türkisch osmanischen Wort qul für Sklave und ist in dieser Form im Hindi bis hin ins Chinesische als kuli Tagelöhner und Wanderarbeiter bekannt. Tatsächlich waren viele der Qolam auch kulis auf den Britisch Indischen Häfen, waren aber ebenso in die belutschische Sozialordnung integrierte Unterstämme. In Sindh,

in dem es noch eine große Präsenz anderer belutischer Stämme gibt, nennt man die ausgewanderten Stämme afrikanischen Ursprungs Dashtiari, wie in ihrem Ursprungsgebiet. Außerhalb der belutschischen Stammesgebiete heissen die ehemaligen Sklaven jedoch Belutschen. Ihr

Bezeichnung orientiert sich also nach wie vor an dem Stamm, der sie aus Afrika kommend adoptierte, in Gebieten weiter weg, im nördlichen Zentralasien zum Beispiel, ist baluch jedoch ein Synonym für Zigeuner.

Aus diesen kurzen Ausführungen wurde deutlich, es bieten sich für die tsiganologische Perspektive weder sprachliche, territoriale noch nomenklatorische Gemeinsamkeiten an. Sich auf diese gemeinsamen Nenner zu beziehen, würde bedeuten, die ethnographischen Betrachtungen der Zigeunergruppen in ihren jeweiligen Subdisziplinen zu belassen, sie unter der Ethnologie des Nahen und Mittleren Ostens bzw. der Ethnologie Zentral- oder Südasiens abzuhandeln aber nicht in eine gemeinsame Disziplin zusammenzubringen: der Tsiganologie.

Das Argument Struktur: die relationistische Perspektive

Was bieten sich stattdessen gerade für den Raum zwischen Bosporus und Gelben Meer als gemeinsame Nenner an? Ein hervorstechendes Merkmal all dieser Gruppen ist ihr hoher Grad an Integration in die Gesellschaft bei gleichzeitigem Separieren. Dies wird vor allem durch die kastenartig organisierten Gesellschaften befördert. Kasten sind ja in hierarchisch gegliederten Gesellschaften gerade dadurch bezeichnet, dass deren Mitglieder durch mythische und religiöse Einbindungen ins Gesamtgefüge ein gewisses Selbstverständnis beziehen und daraus ihre Souveränität ableiten. Kastenstatus verleiht Kastenidentität. Andererseits wird hierdurch aber auch ein in sich abgegrenztes Sozialleben möglich, dass Kastenmitgleidern auch Mobilität ermöglicht, denn überall dort wo sie als Kaste ihre Verortung in die Gesellschaft erfahren, können sie sich deren Privilegien bedienen, müssen im Gegenzug auch ihre liminale Verortung verarbeiten. Zigeunergruppen aus der Perspektive einer Kaste zu betrachten, hat den Vorteil, dass mit dieser Perspektive auch Handwerkergruppen bis in den Senegal bzw. auf die Halbinsel Siam innerhalb des afrikanisch asiatischen Kastengürtels miteinander vergleichend betrachtet werden können. Sie teilen beim näheren Hinschauen durchaus interessante Gemeinsamkeiten. So sind sie nirgends vollwertige Mitglieder der Gesellschaft und besitzen einen Metökenstatus5, der ihnen zwar Besitz und Unversehrtheit garantiert, sie aber z.B. von der politischen Partizipation fernhält. Sie stehen unter dem Schutz ihrer Gast- bzw. Wirtsgemeinschaften. Auch wird ihnen besondere mythische Macht zugesprochen, aufgrund dessen sie als unantastbar gelten. Darüber hinaus funktioniert eine Kaste wie ein Schmelztiegel, die ihre Mitglieder nicht nur qua Geburt erzeugt, sondern, in die man bei besonderer Sympathie hinein bzw. bei Antipathie herausgelangen kann. So ist kein asylbeantrangender Jat in Deutschland ein Zigeuner, sondern ein Afghane, Pakistani oder ähnliches. Das Verlassen der Kaste bedeutet aber auch das Aufgeben einer spezifischen Verortung, denn Kasten sind per se relationale Gebilde, funktionieren nur in Hinblick auf ihre Nachbarkasten und deren jeweilige Spezifika. Zu einer Kaste gehören Grenzen und die Aufrechterhaltung dieser. Diese sind in vielfältigen Varianten der Selbst- und Fremdwahrnehmung, mythischen Überlieferungen und Alltagspraxen zu entdecken. Auch räumliche Grenzen zwischen den Vertretern verschiedener Kasten können beobachtet werden, bei gleichzeitigem Verschmelzen des Alltags aller.

1Martin Block: Die Ziegeuner. Ihr Leben und ihre Seele. Leipzig 1936

2Patrick Williams: Nous, on n’en parle pas, Les vivants et les morts chez les Manouches. Paris: Editions de la Maison des Sciences de l’Homme 1993.

3Ladstätter, Otto; Tietze, Andreas, Die Abdal (Äynu) in Xinjiang. Wien : Österreich. Akad. d. Wiss., 1994.

4Pozdena, Hans; Das Dashtiari-Gebiet in Persisch-Belutschistan. Eine regionalgeographische Studie mit besonderer Berücksichtigung der jüngsten Wandlungen in Gesellschaft und Wirtschaft Wien: Schendl 1978.

5Siehe hierzu der Eintrag in der wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Met%C3%B6ken.

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